Wenn der Zehntgraf und der Teufel einmal ausgehen...

Sicherlich erinnern Sie sich an dieses alte Rühmann-Lied aus den 1950er Jahren, bei dem der Vater mit dem Sohne „…dann am Abend erst nach Haus’ geht“. In unserem Falle handelt es sich zwar nicht um Vater und Sohn, aber die Tageszeit dürfte in jedem Falle stimmen, wenn nicht zuweilen beim Heimgang der Beiden sogar schon der Morgen graut. Und die allerschönsten Sachen dürften die beiden Symbolfiguren bei ihren Auftritten auch erlebt haben, wenn sie schließlich zufrieden in ihre Kissen sinken.

Der Wipfelder Zehntgraf

Wenn Albert Kestler in das Gewand des Wipfelder Zehntgrafen schlüpft, ist er sich seiner Rolle durchaus bewusst und ein bisschen Stolz keimt in ihm auf. Nicht etwa wegen der Historie und Biografie des Zehntgrafen, denn als solcher hatte er unter anderem die verhassten Steuern einzutreiben. Damit dürfte er in der Bevölkerung ab dem 13. Jh. garantiert nicht die Beliebtheitsskala angeführt haben. Nein, vielmehr ist der rührige Wipfelder stolz darauf, mit dieser Figur die Weinlage seines Geburtsortes, nämlich den Wipfelder Zehntgraf verkörpern zu dürfen. Erst Anfang der 1970er Jahre hat diese Lage ihren Namen erhalten. Im Rahmen der damals durchgeführten Flurbereinigung durfte nur ein Name gewählt werden, der in einem der Flurstücke zumindest ansatzweise schon vorhanden war. Aus den Flurstück „Zehntlein" wurde somit der „Zehntgraf" und natürlich war damit auch die entsprechende Symbolfigur schnell gefunden.

Von dem Beliebtheitsdefizit seiner Person während des Mittelalters sei heute nichts mehr spürbar, erzählt der ausgebildete Gästeführer Fränkisches Weinland. Ganz im Gegenteil... Falls gewünscht und gebucht, schlüpfe er auch bei seinen Erlebnisführungen ganz individuell in die Rolle des Wipfelder Zehntgrafen. Auf diese Weise verbinde er unterhaltsam die umfangreiche Ortsgeschichte mit seinem fundierten Wissen zum Thema Wein und hinterlasse bei seinen Gästen einen nachhaltig positiven Eindruck.

Der Teufel der Obereisenheimer Höll

Aus ganz anderen Gründen dürfte auch ein Teufel zunächst einmal nicht unbedingt auf dem Siegertreppchen beim schon erwähnten Wettbewerb gestanden haben. Einen Teufel hatte man zu fürchten. Das Seelenheil war in Gefahr! Nicht aber in Obereisenheim. Den Ort samt Weinberge hatte gerade das Kloster Fulda geschenkt bekommen. Wir schreiben das Jahr 1200, als man plötzlich einen unerklärlichen Schwund in den Obereisenheimer Weinkellern feststellt. Anstatt auf Seelenfang zu gehen, hatte offensichtlich der Teufel für sich gerade das Genusstrinken entdeckt und bediente sich aus den Weinfässern. Glücklicherweise gelang es dem mutigen Bruder Kellermeister, den Teufel zu überlisten. Dieser musste dem Gottesmann nun versprechen, künftig die Weinberge der Obereisenheimer mit seinem Höllenfeuer zu beheizen und damit für beste Weine zu sorgen. Mit dieser Sage aus den 1960er Jahren, geschrieben vom damaligen Pfarrer Stark, war sowohl ein Lagenname für Obereisenheim als auch eine Symbolfigur gefunden worden.

Seit 1996 und bis heute ist es Heribert Prust, der in Obereisenheim den Teufel repräsentiert. Angesprochen darauf, wie er sich in der Rolle des Teufels fühle, erklärt er: „Natürlich wird man zum Teufel, wenn man das Kostüm anzieht und man bleibt auch noch in dieser Rolle, weit über den eigentlichen Auftritt hinaus. Aber in meinem Wesen habe ich mit dem Teufel nichts gemein. Ich bin eher ein sehr fröhlicher Mensch!" Das glauben wir ihm gerne, aber vermutlich dürfte auch der Teufel aus der Sage nach anfänglichem Gefauche wegen der Festnahme in ein weinseliges Grinsen und einen ausgesprochen friedlichen Höllenschlummer gefallen sein.

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